19.
Oktober 2007Machen Sie das Logo größer!
„Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ (Volksweisheit)
Das höre ich immer wieder von Kundenseite, wenn es Diskussionsbedarf in Sachen Design, Layout, Typo, undsoweiter gibt. Wir, die Agentur (Angler) muss ja nur den richtigen Köder (Wurm) auswerfen, um den Fisch (Kunden – für unseren Kunden) anzulocken – ob mir passt wie die Kampagne, Postkarte, Website, Microsite, et cetera aussieht oder eben nicht. Content is King war gestern. Client is King war today. Und das ist in meinen Augen auch zu 100 % richtig so. So verstehe ich meinen, unseren, Euren Job. Ich berate, entwerfe, bilde mich fort und versuche dem Kunden das Bestmögliche zu geben – im Idealfall das, was beiden Seiten gefällt. Ich entgegne auf den obigen Spruch vielleicht noch:
„Erfahrene Angler wissen einfach welche Würmer schmecken!“ (M. Hömmerich),
und versuche mit einem gewinnenden Augenaufschlag Vertrauen zu erringen und zu prüfen wie ernst ein auf den ersten Blick schlechter Vorschlag gemeint ist.
Fast wie in Zeitlupe kann man nach diesem Spruch den Entscheidungsprozess seines Gegenübers verfolgen, sehen wie die Entscheidung gegen Einen kippt und meist hört man danach Sätze wie: „Nein, nein. Ich bin immer noch der Meinung wir müssen das Logo größer machen. Das kann doch keiner lesen – in der U-Bahn, wenn .. ja wenn man da sitzt und sieht das Plakat. Wie am Times Square in New Orl.. äh York – Ikea, Virgin Records, Sony.. So! Verstehen Sie?“ – „Ja aber natürlich, Herr Wichtig. Machen wir so. Ich finde auch, dass man mindestens 60 % der Anzeigenfläche für das Logo nutzen sollte, nachdem Sie von den fünf DIN A4-Seiten Inhalt schon Drei streichen mussten.“
Versteht mich nicht falsch – wenn ein Kunde das so sieht handelt er nach Gefühl. Ich sage mir dann oft selbst „Komm runter vom hohen Ross und denk‘ Dich besser ein.“, versuche nachzuvollziehen was für ein Film da gerade läuft und ob ich etwas übersehen haben könnte. Fakt ist, dass Kunden Ihre Klientele manchmal besser kennen und die Überarbeitungen uns oft nicht so gefallen wie der erste Entwurf – Arial im Styleguide kann halt richtig weh tun – und trotzdem bringt der Kunde vielleicht die passenden Gründe, um es doch zu tun. Wir lernen jeden Tag dazu.
In letzter Zeit habe ich meine Arbeit im Weblog mit etwas Abstand betrachten können und auch viele andere Designblogs studiert. Dabei ist mir aufgefallen, dass Agenturen nahezu wahllos an den Pranger gestellt werden, nur weil hier und da Patzer passieren, der angeblich falsche Font benutzt wurde, die Kampagne einer Kampagne von Volkswagen aus dem Jahr Neunzehnhundertblumenkohl ähnelt – oder irgend etwas Banales raussprudelt, frei nach dem Motto: „Ha, ha – noch ein Typofehler!“. Volkssport Deppenleerzeichen Suche. Na, gefunden? – Toll!
Agenturen muss man am Querschnitt ihrer Arbeiten der letzten Zeit bewerten. Es ist mir langsam auch ein Dorn im Auge, dass viele noch-so-tolle Design-Heroes etwa bekannte Online-Shops verreißen, die ganz offensichtlich mies aussehen, ohne zu überdenken, dass dies DAS entscheidende Kriterium für viele Kunden ist dort einzukaufen. Als ein 1-Euro-Shop in einer deutschen Stadt die gesamte Geschäftsausstattung änderte, von „Nur 1Euro!“-Pappschildern auf hochwertig Gedrucktes umstieg und das Ladenlokal nur leicht veredelte, fiel der Umsatz um mehr als die Hälfte.
Man fährt ja auch nicht mit dem Porsche zum Akquisegespräch, oder?
Fazit:
- 1. Agentur UND Kunde sind für das Ergebnis verantwortlich.
- 2. Wo gehobelt wird, da fallen Späne.
- 3. Man kann nur verändern, was verändert werden will.
Zum Schluss sammeln wir die Top-Ten der wilden Kundenwünsche in den Kommentaren und ich werte das Ganze nach einer Woche aus. Mal sehen was dabei so herumkommt. Ich freu mich jedenfalls schon drauf!
Nachtrag: Top 10 der Kundenwünsche.
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19. Oktober 2007 | 19:25
Wenn man zwischen den Zeilen liest, erfährt man etwas über das Leid und Leiden, das mit diesem Beitrag einhergegangen sein muss
Aufgrund (vermutlich) ähnlicher Erfahrungen, gehe ich mittlerweile bei völligen Design‑ und Konzeptkatastrophen erst einmal davon aus, dass es sich nicht um ein Versagen der Agentur, sondern um Kundenwünsche handelt. Das subjektive Empfinden des Kunden ist eben manchmal schon sonderbar. Von „Schrift muss grundsätzlich groß sein! Ich finde es furchtbar, wenn Schrift klein ist!” bis hin zu „Also Adresse und Telefonnummer müssen auf allen Seiten immer schön groß ganz oben stehen!”. Manchmal frage ich mich, was die eigentliche Herausforderung dieses Jobs ist: Die fachliche Kompetenz oder die Fähigkeit sich als reinen Dienstleister zu sehen und jegliche Wünsche umzusetzen.
19. Oktober 2007 | 21:53
Comic Sans MS! Der Kunde wollte echt die Comic Sans. Und keine andere …
20. Oktober 2007 | 09:26
Ich bin ja grundsätzlich einverstanden, dass der Wunsch der Auftraggeber vorgeht. Aber momentan kämpfe ich wieder mit einem, der uns dazu degradiert, den Text hier einen Millimeter und den Kasten dort einen zu verschieben. Keine Ahnung, was sie wollen, aber das muss perfekt sein. Es fällt mir schwer, da auch mal einen Schlussstrich zu ziehen. Aber es ist wohl notwendig, schließlich werden wir als Gestaltungsexperten engagiert, nicht als Geburtshelfer für halb ausgegorene Ideen der Auftraggeber. Wie ich das mache? Noch keine Ahnung. Muss wohl strenger zu mir und den meinen sein.
20. Oktober 2007 | 14:21
„Ich hab da mal was in Word gemacht“
21. Oktober 2007 | 19:39
„Ich stell mir das so von: Montag sag ich Ihnen wie das ausschaun soll, Dienstag zeigen Sie uns den Entwurf, Mittwoch lasse Sie das drucken und Donnerstag versenden wird den 12 Seiter. Freitag soll’s dann beim Kunden sein. Bilder machen Sie dann eh noch bei uns und die Texte schreiben Sie ja auch, oder?“
22. Oktober 2007 | 01:33
Kennt man irgendwoher. Auf der einen Seite ist der Kunde mit seinen Wünschen, auf der anderen Seite die Integrität der gesamten Agentur, ja wenn nicht des gesamten Berufsstandes. Ich würde das von Fall zu Fall differenzierter bewerten und kein Allheilmittel alá: „Muss wohl strenger zu mir und den meinen sein.“ – das kann auch nach kräftig nach hinten losgehen. Insbesondere was die Arbeitsmoral betrifft. Zu meinem Glück habe ich hier genau das bewundernswerte Gegenteil kennengelernt.
Einfacher hat es da jeder Handwerker. Entweder das „Maß“ stimmt, oder eben nicht. Uns hingegen engagiert man für kreative Lösungen und unsere Softwarekenntniss – dafür das wir von Gestaltung Ahnung haben und dahinter eine gewisse „Wissenschaft“ steckt? Irrtum liebe Kollegen. Ich will weder Euren noch irgendwelchen Kunden unterstellen das Ihnen da die nötige Intelligenz für fehlt, aber nach meiner Erfahrung sind diese theoretischen Ansätze so „Weichgezeichnet“ und „unpopulär“, das ganz simpel kein Kunde darüber bescheid weiß geschweige daran glaubt. „Schick soll’s halt aussehen.“
Am Ende jedoch wird ganz diktatorisch und am liebsten den ganzen Tag, dem Designer über die Schulter geschaut und jeder noch so kleine Fehler wird Schulmeisterlich korrigiert.
Ach ja und noch der passende Spruch:
„Meine Frau hat aber gesagt…“
22. Oktober 2007 | 08:31
Das dachte ich auch bisher und würde es nicht machen. Mein Chef macht’s seit Jahren erfolgreich trotzdem.
22. Oktober 2007 | 09:03
@Nicolas: Nein, nein. So schlimm war es dann doch nicht.
Grundsätzlich habe ich mich darüber geärgert, dass vielerorts einfach Arbeiten verrissen werden, die im Ansatz gut sind und Schwächen aufweisen, die quasi nur ein „Kundenwunsch“ gewesen sein können.
@Jens/Medienvirus: „Meine Frau hat gesagt …“ ist übrigens ein echter Klassiker!
Es zeigt sich doch einfach, wie viele „Probleme“ uns im Kleinen begegnen, die in dieser Form sicher auch den wirklich großen Agenturen wiederfahren. Man muss manchmal an kreative Grenzen gehen, um den Kundenwunsch zu erfüllen, bzw. mit einer fast fertigen Kampagne in Einklang zu bringen …
Man sollte einen Kundenwunsch-Award einführen – für die kreativste Umsetzung eines Wunsches, der außerdem noch an der Nähe zur Deadline gemessen werden sollte.
22. Oktober 2007 | 15:06
@Martin: Wer hat’s erfunden?

Markus?22. Oktober 2007 | 16:45
Oha – sorry Jens. Natürlich war das Zitat von Dir. Ist korrigiert.
26. Oktober 2007 | 07:28
‚Das Logo muss ganz groß auf das Transparent – das geht doch, oder?‘
Per Mail folgt eine JPG-Vorlage in 150 × 100px.
‚Das ist wirklich das einzige, was wir in Dateiform vorliegen haben!‘:mrgreen:
28. Oktober 2007 | 13:43
Viel schlimmer finde ich es, wenn solche Situationen mit dem eigenen Chef ablaufen.
Der Simon
10. Januar 2008 | 03:21
Schöner Artikel.
Gut sind auch definitiv so genannte „Excel-Schemata“… darin darf man dann das gesamte Layout mit „Navigation und Struktur“ bewundern